Movement for body and soul

Bouldern – wenn körperliche Kraft den Weg zu Seele und Geist findet

5 Jahre ist das nun her, als mich mein Mann das erste Mal in eine sogenannte Boulderhalle geschleppt hat. Erstens hatte ich echt wenig Lust da drauf, zweitens habe ich mich wirklich nur ihm zuliebe dorthin bewegt und drittens dachte ich mir nach 3 Stunden – Tschö mit ö – einmal reicht und nochmal komme ich ganz sicher nicht hierher… ich konnte dem ganzen Zauber dort drin wirklich gar nichts abgewinnen. Die Schuhe unbequem, mein Körpergefühl glich damals Kevin 2.0 vs. Wer ist der nasseste Sack an der Wand. Von Körperspannung keine Spur und die Hände taten mir auch schon weh – ganz ehrlich, was soll ich hier?

Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt und drittens – heute ist es mir ein echtes Anliegen, über das Bouldern, was es mit mir und meinem Körpergefühl gemacht hat, zu schreiben. Manche wissen ja, ich schreibe mir immer wieder alle möglichen Sachen von der Seele. Manchmal über sehr ernste, sehr traurige und sehr intime Themen, über Themen die mich belasten, dich mich ärgern oder die ich einfach ganz dringend „auf Papier“ bringen muss. Es befreit mich, wenn ich mal wieder so viele Gedanken im Kopf habe, und das Schreiben gibt mir ein gutes Gefühl, dass ich echt schwer in Worte fassen kann. (Was jetzt anhand der Tatsache wie viele Wörter hier stehen seltsam ist, ich weiß)

Eines weiß ich allerdings ganz sicher, wenn ich mich hinsetze und schreibe, dann ist es vielleicht manchmal seltsam, weil ich so schreibe wie ich denke und fühle, aber ich garantiere Euch, eines ist es immer – ehrlich… Und wenn sich nur eine einzige Menschenseele nach meinen Zeilen denkt, ja man, ich bin bin nicht alleine damit, mir geht oder ging es schon genauso, oder sich einfach nur verstanden oder abgeholt fühlt, dann hat sich bereits jeder einzelne Buchstabe gelohnt.

Nun aber zum Bouldern. Ich hatte also meine feste Meinung zu diesem für mich einmaligem Sportereignis – getestet, nicht unbedingt für gut befunden, oder wie sagt man so schön – ich kam, sah und hatte direkt keinen Bock. Nur wollte Hasi da jetzt gerne nochmal mit mir hingehen, was für mich jetzt irgendwie äußerst unlucky war. Naja ich ging dann halt einfach nochmal mit, diesmal nur wir Beide. Einfach mal zu Zweit rantasten, sich nochmal ausprobieren.

Was soll ich sagen, mein zweites Date mit den bunten Griffkandidaten lief deutlich besser. Wir hatten uns dieses mal ganz eindeutig mehr zu sagen, das Gefühl war ein ganz anderes als beim ersten Mal. Ich möchte jetzt fast sagen, ich war nach der zweiten Runde Bouldern ein bisschen angefixt. Son ein bisschen eben…

Nach dem „Bisschen“ gingen wir Schuhe kaufen. Ganz ehrlich, die eigenen Kletterschuhe anzuhaben ist mal ne ganz andere Nummer. Wie soll ich jetzt sagen, man geht ein gewisses Vertrauensverhältnis mit seinem Schuhwerk ein, das muss einfach stimmen, die müssen sitzen und dann ist meiner bescheidenen Meinung nach das Klettergefühl an der Wand auch ein ganz anderes. Aufgrund meiner femininen Grundausstattung spielt für mich trotz allem auch das Aussehen der Schuhe eine Rolle. Mag für den ein oder anderen unwichtig sein – ja mag sein. Ich steh´ trotzdem drauf, in Farben zu klettern, die ich mag und mit denen ich mich wohl fühle und wenn die Schuhe mir dann optisch noch gefallen, dann ist doch alles gut. Völlig sinnbefreit? Jep- ist mir aber wurscht 😀

Ach und dann war da ja noch die kleine aber nicht ganz unbedeutende Sache mit der Höhe.. Die ist ja in so Boulderhallen wirklich nicht überwältigend. Und trotzdem, für Menschen mit Höhen- bzw. Sturzangst, oder generellen Angsthasen wie ich es bin, also Mensch die leider grundsätzlich mit Ängsten und viel zu vielen Gedanken zu tun haben ist auch das bisschen Höhe manchmal echt heavy und schlicht unüberwindbar. Ich weiß, das ist ganz schwer nachzuvollziehen, vor allem wenn man als Zuschauer unten steht und sich ans Hirn langt, weil Du ja offensichtlich nur noch diesen einen kleinen Zug zum Top greifen musst. Tja ich kann aber nicht – ich kann in diesem kleinen Scheißmoment einfach nicht. Ich schwöre, dort unten könnten George Clooney, Ryan Goslin, Miley Cyrus und die gesamte Hautdarstellercrew von Haus des Geldes stehen und mich anfeuern und ich könnten diesen letzten Zug in dem Moment nicht leisten. Ich würde mir vermutlich dort oben dann auch nur noch denken – Bella ciao… #kopftisch

Aber Spaß beiseite, ich habe schon unzählige Kleinkriege mit mir und meinem Innersten geführt. Ich würde lügen, zu behaupten, dass es schön ist immer der gefühlte Loser zu sein. Die Eine, die sich halt wieder nicht bis ganz rauf traut. Ne, das ist zum Kotzen und das ist manchmal so unendlich frustrierend, es macht mich oft traurig und ich zweifle dann an mir und ganz oft schäme ich mich auch wirklich dafür. Danke Hasi für Deine unendliche Geduld und Dein Verständnis für mich – ich weiß das ist nicht immer so einfach…

Doch irgendwann war der Punkt erreicht, Stop, warum soll ich mich immer wieder dafür strafen und so hart mit mir ins Gericht gehen? Why? Fakt ist, ich kann nichts für diese Ängste, Fakt ist auch, dass nirgendwo geschrieben steht, dass nur Leute bouldern dürfen, die es bis zum Top schaffen. Habe ich zumindest bisher nicht in den AGB´s der Boulderwelt gefunden.

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Also Kopf hoch, Krone richten und ganz ehrlich, wenn sich eine Route bis zum vorletzten Griff für mich gut angefühlt hat und ich in dieser Phase eine gute Technik und Körperspannung fühlen konnte, dann ist doch alles gut. Wenn ich an diesem Punkt mit einem guten Gefühl von der Wand steigen kann, dann war es für mich das was ich leisten konnte und das bis wohin ich mitgehen und mich überwinden konnte, ohne Wenn und ohne Aber, und vor allem ohne Vergleich. Denn ich hasse Vergleiche, ich hasse das Gefühl und den Druck „mithalten“ zu müssen und ich hasse Konkurrenz in jeglicher Form. Klingt feige? Nennt es wie ihr wollt, aber mich zu vergleichen oder zu konkurrieren hat mich noch keine Sekunde in meinem Leben weitergebracht und mir noch niemals gutgetan. Und genau aus diesem Grund strample ich mich konsequent frei davon. Das was ich an diesem Tag schaffe und leisten kann, dafür bin ich meinem Körper sehr, sehr dankbar. Das ist weit mehr als ich mir vor 5 Jahren jemals vorgestellt hätte. Ob bis zum letzten oder drittletzten Griff… Pfff… Wayne?

Was mich beim Bouldern aber von Anfang an und bis heute immer wieder fasziniert und begeistert, ist was es alles sonst noch so mit uns anstellt. Ich denke da werden mir die meisten Klettersuchtis Recht geben, man kann und will einfach nicht damit aufhören. Für mich, oder ich kann glaube ich auch hier für meinen Mann sprechen, ist es der erste Sport, der uns wirklich so eingefangen hat und uns jedes Mal aufs Neue wieder so eine unglaubliche Freude und Begeisterung schenkt. Ich glaube wir mussten uns noch kein einziges Mal aufraffen dorthin zu gehen, es ist immer das Jucken in den Fingern und das ungeduldige Warten bis wir wieder loslegen können.

Das entscheidet das Bouldern eklatant von allen Sportarten, die wir bisher ausprobiert haben. Es ist einfach das Richtige für uns, die wertvolle Zeit mit Freunden dort zu sein, im gefühlten zweiten Wohnzimmer und zu überlegen, zu quatschen, das Miteinander einfach zu genießen. Unbezahlbar…

… und was hat es uns gefehlt, als man einfach nicht gehen konnte und durfte. Auch der Rücken hat nach einiger Zeit angeklopft, weil die anderen Workouts eben nicht genauso waren, wie so richtig geschmeidige Züge beim Klettern… never… Ganz eindeutig war es das Feeling, was gefehlt hat.

Wie dankbar sind wir, dass wir unter Auflagen wieder dort sein dürfen.

Und das ist es auch was ich meinte. Es ist ein Sport für Körper und Seele. Denn zumindest mir geht es so, dass es eben nicht nur für meinen Rücken und den gesamten Körper wahnsinnig gut ist, ne auch auf der psychischen Ebene tut es irgendwie ganz viel Gutes.

Ich habe manchmal das Gefühl, dass die Kraft, die Stabilität und die Ausgeglichenheit, die sich in den Muskeln und im ganzen Körper über all die Jahre entwickelt, sich auch in die Psyche weiterentwickelt. Ich zumindest habe das Gefühl, dass wir Vieles was die letzten Jahre auf uns eingeprasselt ist, besser auffangen konnten, seit wir Klettern gehen. Auch die Seele und die Psyche profitieren von mehr Kraft und Stabilität, von mehr Selbstvertrauen und Vertrauen.. und das kann man in manchen sehr belastenden Situationen wirklich gut gebrauchen. Quasi ein kleiner Bonus, den es obendrauf zum Kraxeln gibt. Ist das nicht schön?

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So jetzt reichts aber auch wieder.. sind ja schon wieder sooooo viele Zeilen geworden. Mit dem Kurzfassen klappt das immer irgendwie nicht, aber dafür gibt es ja meinen Bloggystyle. Der ist einfach sehr geduldig mit mir. 🙂

Eventuell konnte ich annähernd beschreiben, was das Bouldern für uns bedeutet, warum wir einfach so drauf abfahren und dass es für mich oft weitaus mehr ist als „nur“ ein Sport…

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In diesem Sinne ihr Lieben, ihr ahnt es sicherlich was kommt.

Sei dankbar, zufrieden und glücklich, Du hast alles was es zum Glücklichsein braucht!

Eure Steffi

2 Gedanken zu „Movement for body and soul

  1. Wie immer…. Bezaubernd, mitreißend, mir aus der Seele sprechend und obwohl ich nicht bouldere, kann ich das zu 1000% nachempfinden! Tolle Worte von meiner tollen Schwester ❤️

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